Wo Ordnung herrscht, lässt Pan sich nicht vernehmen                                                             Hanne Weskott, 2007


Pan, der ungeschlachte Hirten- und Berggott mit seinem fellbedeckten Körper, seinen Bockshörnern und
-füßen konnte Mensch und Tier in Panik versetzen. Er galt als Lüstling, der den Nymphen nachstellte, aber
auch aus Liebe zur Nymphe Syrinx die Panflöte erfand. Auf diesem Instrument gelangte er zu solch einer
Meisterschaft, dass er sich mit Apollon, dem Lichtgott, maß. Der war in vielem das Gegenteil von Pan, und
doch waren beide Künstler. Wenn Apollon für Ordnung steht, vertritt Pan das anarchische Element. Apollon
siegte in dem Wettstreit.
Zur Kunst gehört aber beides: Ordnung und Chaos, wobei das Chaos gewissermaßen die Schwester der
Freiheit ist. Nur dank der Freiheit, auch das Chaos zuzulassen, kann sich Kreativität entfalten. Das bedeutet
allerdings nicht, dass Künstler gefährliche Chaoten sind, sondern nur dass allzu strikte Vorgaben die
Kreativität massiv einschränken. Im Bereich der bildenden Kunst betrifft das besonders Aufträge im
öffentlichen Raum. Wo allzu große Ordnung herrscht, ist Pan nicht mehr zu vernehmen.

Gerade der öffentliche Raum wurde zum Hauptfeld der künstlerischen Betätigung von Dietrich Förster. Der
Grund dafür ist, dass er mit Vorliebe in großen Dimensionen denkt. Alles Kleine ist für ihn mehr oder weniger
Modell, das auf seine Tauglichkeit zur Vergrößerung zu prüfen ist. Das Prinzip seiner Arbeit beruht also im
Wesentlichen auf Reaktion. In seiner Kunst antwortet er auf bereits vorhandene Situationen und Räume.

Wahrscheinlich kann man Kreativität in dieser Richtung trainieren, um die Einschränkungen möglichst gering
zu halten. Dabei hilft, Pläne, ganz anders als die Architekten, nicht als unumstößliche Gesetze anzusehen,
sondern als eine Grundlage für die Arbeit vor Ort. Förster kommt zwar mit fertigen Teilen und einer am Modell
entwickelten planerischen Vorstellung  an, überlässt die endgültige Anordnung aber seiner Intuition, die sich
in einem intensiven Austausch mit dem Raum formt. Nur so kann sich das anarchische Element seiner Kunst
entfalten. Dietrich Försters künstlerische Arbeit ist nämlich durch die beiden Pole Ordnung, die sich in einer
konstruierten Form zeigt, und Auflösung eben jener Form in einer freien Bewegung in den Raum hinein,
gekennzeichnet. Das Festgefügte, die von Elementen der Architektur bestimmte Form, bricht sozusagen aus
der Verankerung, um im Raum einen anarchischen Tanz zu veranstalten.

Im Forum im Finanzamt in Regensburg zitiert ein Weg aus gelben hintereinander geschalteten Brettern ein
Stück Wegs den Übergang zwischen den Gebäudeteilen, um dann abzubrechen und sich aufzulösen. Wie
sichtbar gemachte Gedankenflüge schweben die immerhin 2 Meter langen leuchtend gelben Bretter unter dem
Glasdach. Schon ihre Farbigkeit erscheint in dieser ganz auf Farbe verzichtenden Architektur wie ein Einbruch
der Fantasie oder wie eine Erinnerung an die Natur. So kann, wer hören kann, die Flöte des Pan inmitten
dieser künstlichen Welt vernehmen.

Dietrich Förster lebt auf dem Land, und das nicht nur, weil dort für einen Bildhauer bezahlbare Atelierräume zu
finden sind, sondern aus Überzeugung. Er braucht die Natur um sich. Ursprünglich wollte er Architekt werden,
aber nach einem Praktikum erkannte er, dass ihm bei dieser Arbeit etwas Wesentliches fehlte. Dann studierte
er Industriedesign, um schließlich an die Akademie in die Bildhauerklasse von Hans Ladner zu wechseln. Dort
fand er, was er die ganze Zeit über gesucht hatte, Naturnähe. Er machte Naturstudien und Akte nach lebenden
Modellen. Allerdings waren die Ergebnisse keineswegs naturalistisch. Vielmehr setzte er die menschliche
Figur in Linien und Flächen um und fand heraus, dass geometrische Ordnungen und Ordnungsprinzipien in
der Natur durchaus zu finden sind, aber gleichzeitig, dass sie nie ohne Abweichungen existieren. So wurde die
Natur zu seiner Lehrmeisterin, auch wenn seine streng kubischen und geometrischen Formen das auf den
ersten Blick nicht erkennen lassen.

Am augenfälligsten wird das Prinzip bei dem nicht verwirklichten Projekt für das Leibniz Rechenzentrum in
Garching, das er zum besseren Verständnis mit einem Foto eines Flusses belegt, der über eine Stufe fließt.
Ein Block aus Stahlplatten sollte so bearbeitet werden, dass aus der aufgerauten Oberfläche, die das sich
kräuselnde Wasser veranschaulicht, Erhebungen, einer urzeitlichen Gebirgsfaltung nicht unähnlich,
herausbrechen

Natur in einem hohen Verfremdungsgrad strukturiert auch den Eingangsbereich des Finanzamtes
Regensburg, wo dicke, mit der Kettensäge bearbeitete Eichenstämme den Weg weisen. Durch die
Behandlung krumm und gebeugt haben sie etwas Anthropomorphes bekommen, so dass sie entfernt an eine
Menschengruppe erinnern. Ihre rote Bemalung weist sie aber deutlich als Kunstprodukte aus. Mit ihnen
korrespondiert im Inneren des Eingangsbereichs ein schlanker hoher Kubus aus übereinander gestapelten
orangefarbenen Holzquadraten. Dessen obere Platten sind wie im Forum desselben Gebäudes in Bewegung
geraten. Sie schweben im Raum.

In dieser Gestaltung wird deutlich, wie sehr Natur und Kunst in der Vorstellung von Förster miteinander
verwoben sind: Die an sich natürlichen Stämme werden zu Kunstprodukten, die sich einmal der künstlichen
Umgebung des Platzes einschreiben und sich gleichzeitig von der angelegten künstlichen Natur herum
abheben. Die derzeit noch dünnen Bäumchen könnten der Wucht der Eichenstämme nichts entgegensetzen.
Andererseits erhält das ganz und gar künstliche Objekt im Inneren des Gebäudes durch Loslösung und
Bewegung der Teile eine künstliche Natürlichkeit, die den festgefügten Block in einen anderen Aggregats-
zustand überzuführen scheint.

Der Kolumnenschreiber Peter Bichsel hat einmal gesagt, dass Kinder mit Fragen leben können, Erwachsene
aber, auch wenn sie scheinbar Fragen stellen, immer Antworten meinen. Der Erwachsene akzeptiert
Tatsachen, ohne sie zu hinterfragen. Während ein Kind also tatsächlich wissen will, warum es regnet, fragt ein
Erwachsener rhetorisch, warum es gerade jetzt regnen muss. Künstler wie Dietrich Förster hingegen stellen
ihre Fragen an die Wirklichkeit, in dem sie Festgefügtes bildhaft ins Schwanken bringen. So entsteht ein
Freiraum, in dem sich Neues, Unerwartetes ereignen kann. Ganz leise ist dann die Flöte des Pan zu hören.
                   


Hanne Weskott, 2007

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