Christoph Sorger / Andreas Kühne.   2001


Die Skulpturen und Installationen, mit denen Dietrich Förster Akzente im öffentlichen Raum setzt,
beziehen ihre Spannung aus mathematischer Strenge und einer Dynamik, die diese Strenge kontrastiert,
sie auflöst oder auch zerstört. Formen, die einem elementaren geometrischen Kalkül zu folgen scheinen,
geraten in Bewegung. Seine eigenwilligen Konzeptionen treten in einen Dialog mit ihrer Umgebung,
indem sie ein Charakteristikum des Raumes aufgreifen und einen inhaltlichen Bezug zu den Prozessen
und sozialen Interaktionen herstellen, die sich in ihm vollziehen. Auf den jeweiligen Kontext bezogen
wählt er das zur Umsetzung seiner Konzeption geeignete Material aus: Marmor oder Granit ebenso wie
Beton, Stahl oder Aluminium; auch so „unbildhauerische“ Stoffe wie Sand oder Erde können eine Rolle
spielen. Die dabei entstehenden Arbeiten sind geprägt von einer ebenso kraftvollen und schlüssigen wie
originellen Formensprache. Flächen und Kanten eines Marmorwürfels gehen in Rundungen über,
rechtwinklige Betonelemente werden gekippt, ins Erdreich geschoben, von Kräften, die aus der Erde
selbst zu kommen scheinen, regelhaft aufgereihte Aluminiumrohre brechen aus dem strengen Raster
aus und gewinnen ein erstaunliches Eigenleben, aus dem Boden quellendes Wasser löst die Ordnung
exakt ausgerichteter Granitquader auf. Starke Gegensätze sind am Wirken. Zwischen ihnen kann ein
dynamisches Gleichgewicht herrschen, das Veränderungen in beide Richtungen zulässt, die Harmonie
eines Augenblicks, aber auch Kampf.

„Geometrische Ordnung und organische Beweglichkeit“ hat Dietrich Förster programmatisch das Leitmotiv
seines Schaffens benannt. Was er damit umreißt ist nicht nur eine Formproblematik. Geometrische Gebilde
in ihrer Selbstgenügsamkeit scheinen bedeutungsleer, weil sie, streng genommen, sich nur auf sich selbst
beziehen. Ihre Konstruktion, ihre Eigenschaften, ihre Beziehungen untereinander gehorchen Theoremen,
die keiner Empirie bedürfen, sondern rein aus Axiomen gefolgert werden und durch streng logische Opera-
tionen zu beweisen sind. Gerade dieser Purismus ermöglicht aber auch Bedeutung: Man kann Geometrie als
Methapher des Gesetzhaften schlechthin lesen. Platon, der dies vielleicht als erster tat, machte sie zum
Inbegriff des Universalen, des Reichs der unvergänglichen Ideen, das zugleich das wahre Sein ist und an dem
die individuellen, veränderichen und vergänglichen Dinge, die unsere sinnlich erfahrbare Welt ausmachen, nur
einen unvollkommenen Anteil haben. Im Verhältnis des Universalen zum Sinnlich-Konkreten, der unveränder-
lichen Gesetzmäßigkeit zur unberechenbaren, lebendigen Wirklichkeit kommt für das platonische Denken dem
Ersteren der Primat zu. Platos Erbe hat viele Verwandlungen durchlaufen, wirksam ist es noch immer. Dass
in der Kunst der Moderne, die wie keine Epoche zuvor Ursprünge und Prinzipien erforschen wollte, dieses Erbe
einen Hauptstrom bildete und dass geometrische Formen selbst Ausdrucksmittel wurden, ist alles andere
als zufällig. Die Reihe der in diesem Sinne platonischen Künstler ist lang und eindrucksvoll. Was sie verbindet,
ist das Streben nach reinen, von allem Zufälligen gereinigten Urformen. Mondrian wollte in seinen recht-
winkligen Konstruktionen das Gleichgewicht universaler Grundkräfte stets neu austarieren, und noch der
Minimal Art ist ein platonischer Zug attestiert worden. Alles, was die Klarheit des Kalküls durchkreuzt, alles
Ungesetzliche, alles individuell Eigensinnige muss dieser Weltsicht suspekt sein. Es ist möglichst
auszuschalten.

Die breite Wirkung des aus dieser Haltung erwachsenen Gestaltungswillens auf unsere Welt in Architektur
und Design offenbart freilich auch das Zwiespältige der Reduktion aufs essentiell Geometrische.
Die universalen Seinsgesetze, die die Gründerväter im Sinne hatten, sind längst zur „Vorstellung von der
Realität der Formel“ (A.M. Hammacher) und zur Logik von Standardisierung und Serienfertigung geschrumpft.
Auf der Ebene alltäglicher ästhetischer Erfahrung veranschaulicht das Raster keine kosmischen Zusammen-
hänge. Allzuoft ist es bloß starr. Man kann diesem Tatbestand den Rücken kehren und ins Beliebige
ausweichen, was augenblicklich häufige Praxis ist. Oder man kann sich ihm stellen. Dietrich Förster hat sich
für das Letztere entschieden. Er setzt die unbewegliche Form mit ihrem Gegenpol in Verbindung: mit der letztlich
unkalkulierbaren Veränderlichkeit, die alles Lebendige auszeichnet und die das schafft, was wir das Individuelle
nennen. Das intensive Studium von Naturformen hat ihm geholfen, formale Chiffren für die Prinzipien dieser
organischen Beweglichkeit zu finden. Dietrich Förster lotet die Möglichkeiten zwischen beiden Polen in
konzentrierter Arbeit an der Form aus. Dabei schafft er zugleich Bedeutung. Aus den Anmutungswerten und dem
räumlichen Kontext seiner Arbeiten ergeben sich Assoziationsräume, in die der Betrachter eintreten kann und
die Deutungen nahelegen, wenngleich nicht erzwingen. Die Polarität von gesetzmäßiger Strenge und
lebendiger Beweglichkeit realisiert sich in jeder Umgebung in anderen Inhalten. Im Zusammenhang mit einer
Behörde drängen sich andere Gegensätze auf als im Lichtraum einer Universitätsbibliothek oder im
Freigelände eines Friedensmuseums. Diese Vielfalt zu erforschen, für jede Situation eine angemessene
Formulierung zu finden, ist für Dietrich Förster wichtiger, als sich der leichten Wiedererkennbarkeit halber auf
ein fest umrissenes Formenvokabular zu begrenzen und dabei ein Markenzeichen zu entwickeln, das sich mit
geringerer oder größerer Variationsbreite immer wiederholen lässt. Das Feld, das sich Dietrich Förster
abgesteckt hat, bietet noch Raum für viele Entdeckungen. Es ist so schnell nicht ausgeschritten.


Christoph Sorger / Andreas Kühne
 

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